Zum 145. Geburtstag von Ettore Bugatti

Die Welt des Monsieur Bugatti

Ettore Bugatti wollte nicht bloss bessere Autos bauen. Er wollte die ganze Welt verbessern. Bugatti war ein genialer Ingenieur, Künstler, Patriarch und ein Exzentriker, der heute wirkt, als sei er aus einem Wes-Anderson-Film. Am 15. September wäre Bugatti 145 Jahre alt geworden.

Veröffentlicht am 19.09.2026

Die Eier wurden immer teurer. Für einen normalen Menschen endet diese Feststellung beim Frühstück. Für Ettore Bugatti begann damit ein neues Entwicklungsprojekt. Er konstruierte einen Hühnerstall auf Rädern, der über das Anwesen verschoben werden konnte. Als die Pastamaschine seines Kochs kaputtging, konstruierte er kurzerhand eine neue. Als Kurbel diente ein Bugatti-Lenkrad. Rund 1000 Patente werden Bugatti zugeschrieben. Er entwarf Fahrräder, einen Rasierer, Schlösser, Angelruten, Operationsinstrumente, Sessel, Leuchten und Pferdegeschirre.

Ettore Bugatti züchtete ausserdem Vollblüter, mit denen er durch seine Fabrik ritt. Er liess sogar spezielle Türöffner konstruieren, damit seine Pferde die Werkstatttüren mit der Nase öffnen konnten. Willkommen in der verrückten Welt von Ettore Bugatti, in der ein Esel namens Totosche frei auf dem Gelände herumlief. Bugatti selbst kleidete sich wie eine Figur in einem Wes-Anderson-Film. Kolonialhelm, helle Anzüge, Kniebundhosen, hohe Strümpfe; Bugatti trug bereits in den 1920er-Jahren Fünf-Zehen-Schuhe. Kurz: Ettore Bugatti war ein Exzentriker, der nicht jedem ein Auto verkaufte, sondern nur, wer ihm würdig erschien.

Leicht ist schneller

Ettore Bugatti könnte man als Genie bezeichnen. Noch nicht einmal volljährig, begann er eigene Fahrzeuge zu entwickeln. 1900 baute er seinen ersten eigenen Wagen, später arbeitete er für De Dietrich und Deutz. Dort festigte sich seine Überzeugung, dass leicht gleich schneller ist. Schon sein Type 10 von 1909 war diese Philosophie auf vier Rädern. Der «Pur Sang» wog nur 365 Kilogramm. Sein 1,2-Liter-Vierzylinder leistete 10 PS. Trotzdem schaffte der Winzling 80 km/h. Über die schwergewichtige Konkurrenz von Bentley soll Bugatti gesagt haben: «Mr Bentley baut schnelle Lastwagen.»

Dass Bugatti bereit war, für eine Idee ziemlich seltsam auszusehen, bewies 1923 der Type 32 Tank. Der aerodynamische Rennwagen erinnerte eher an eine Badewanne auf Rädern als an einen Grand-Prix-Wagen. Ein Jahr später folgte das Auto, das Ettore Bugattis Ideen perfekt zusammenbrachte: der Type 35. Leicht, schön und technisch brillant, mit Leichtmetallrädern und Reihenachtzylinder. Seine stärkste Version erreichte über 215 km/h. Die Type-35-Familie sammelte rund 2000 Rennsiege und machte Bugatti zur Legende.

Ein Auto für Könige

Und dann machte Bugatti genau das Gegenteil von Leichtbau. Der Type 41 Royale war fast sechs Meter lang, mehrere Tonnen schwer und besass einen 12,8-Liter-Achtzylinder mit rund 300 PS. Ein rollender Palast für Könige, Industrielle und jene wenigen Menschen, die Bugatti offenbar für würdig hielt. Sechs Exemplare entstanden. Wirtschaftlich war der Royale kein Meisterstück. Als Denkmal für Ettore Bugattis Selbstverständnis dagegen schon: «Ein technisches Produkt ist erst dann perfekt, wenn es auch vom ästhetischen Standpunkt her perfekt ist.» In den 1930er-Jahren wandte sich Bugatti sogar der Luftfahrt zu und arbeitete am futuristischen, aber nie vollendeten Flugzeug Bugatti 100P.

Jean Bugatti übernimmt

1936 übernahm Ettores Sohn Jean die Leitung des Unternehmens. Jean Bugatti hatte offenbar nicht nur die Gene, sondern mindestens ebenso viel gestalterisches Talent geerbt. Mit dem Type 57 SC Atlantic schuf er 1936 ein Auto, das bis heute vielfach als eines der schönsten der Welt gilt. Rund 800 Type 57 entstanden insgesamt. Vom Atlantic wurden zwischen 1936 und 1938 nur vier Exemplare gebaut; drei existieren noch, zwei davon weitgehend im Originalzustand.

Doch dann schlug das Schicksal zu: Am 11. August 1939 verunglückte Jean Bugatti bei einer Testfahrt mit einem Type 57 G Tank tödlich. Sein jüngerer Bruder Roland versuchte nach dem Zweiten Weltkrieg, das Unternehmen weiterzuführen. Doch die Nachkriegsmodelle konnten nicht mehr an die grossen Erfolge früherer Jahre anknüpfen.

Ettore Bugatti starb am 21. August 1947 in Paris. Was blieb, waren einige der aussergewöhnlichsten Automobile der Geschichte – und die Erkenntnis, dass man die Welt durchaus verbessern kann, wenn man sich nur hartnäckig genug über sie ärgert. Selbst wenn am Ende die eigenen Eier teurer sind als die vom Bauern.

Bilder: Bugatti

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