

Ein sehr vernünftiges Auto
Man könnte für dieses Geld problemlos einen Sportwagen und einen elektrischen Kombi kaufen. Aber warum zwei Autos besitzen, wenn man beides gleichzeitig haben kann? Genau das ist Vernunft à la Taycan GTS Sport Turismo.
Elektro. Kombi. Bei manchen selbst ernannten Porsche-Puristen reicht das bereits für Schnappatmung. Dabei ist der Taycan GTS Sport Turismo eines der aktuell interessantesten Modelle aus Zuffenhausen. Um es gleich vorwegzunehmen: Er fährt fantastisch, ist technisch überragend – und komplett unnötig. Und genau deshalb ist er so vernünftig.
GTS: von brav zu brutal
Bei Porsche sind drei Buchstaben heiliger als Weihwasser: GTS. Gran Turismo Sport. Seit dem 904 Carrera GTS von 1963 steht diese Bezeichnung für den perfekten Zwischenbereich: komfortabler als ein GT3, schärfer als ein S-Modell. Nicht ganz Rennwagen – aber ganz sicher nicht brav.

Dieser Sweet Spot existiert nun auch im Taycan-Programm. Und zwar doppelt: als Sportlimousine und als Sport Turismo. Natürlich ist der Kombi die bessere Wahl. Weil er besser aussieht. Und weil mehr Golftaschen hineinpassen.
Leistung ohne Ende
Als hätte es der normale Taycan nötig, hat Porsche beim GTS nochmals alles nachgeschärft, was sich nachschärfen lässt. Die Systemleistung beträgt 515 kW/700 PS, dazu Allradantrieb und Launch Control. Das Ergebnis: 0–100 km/h in 3,3 Sekunden. Schneller als viele Supersportwagen. Und definitiv zu schnell für einen Familienkombi – besonders in der 30er-Zone.

Serienmässig an Bord ist das Sport-Chrono-Paket mit Push-to-Pass. Ein Knopfdruck – zehn Sekunden lang bis zu 70 kW Zusatzleistung. Drücken, lachen, wieder drücken. Das Ganze wird mit Countdown-Timer und animierten Ringen im Kombiinstrument inszeniert – völlig überflüssig, aber herrlich kindisch. Genau richtig also, um damit vor der Kita vorzufahren.

Bei langsamen Geschwindigkeiten wird das Drehmoment auf Launch-Control-Niveau angehoben. Übersetzung: Beim Herausbeschleunigen aus dem Kreisverkehr tritt einem der GTS so heftig in den Rücken, dass man kurz checken muss, ob man noch im selben Kanton ist.
Physik? Gibt es nicht.
Rund 2400 Kilogramm bringt der Taycan GTS Sport Turismo auf die Waage. Das ist viel. Sehr viel. Trotzdem fährt er sich, als hätte jemand die Physik deaktiviert.
Serie sind adaptive Luftfederung mit PASM und Porsche Torque Vectoring Plus. Optional gibt es Porsche Active Ride – ein aktives Fahrwerk, das die Radlasten einzeln steuert und den Wagen selbst in absurden Kurvenlagen erstaunlich flach hält. Damit könnte man problemlos eine Torte im Express liefern, ohne dass sie Schaden nimmt.

In schnellen Kurven überrascht mich vor allem, wie ruhig das Auto bleibt. Als hätte es die Zukunft gesehen. Man wartet auf Drama. Es kommt nicht. Stattdessen unfassbar viel Grip, Präzision und dieses Porsche-typische Gefühl, dass alles genauso läuft, wie es soll – selbst dann, wenn man es eigentlich übertreibt.
Endlos-Gleiter
Der schönste Moment im GTS ist aber nicht die Beschleunigung. Es ist das Gleiten. Dieses lautlose, endlose Segeln über die Strasse. Nur ein kurzer Powerstoss, dann wieder Ruhe. Fast meditativ schwebt der 2,4 Tonnen Sportkombi scheinbar ohne Reibungsverlust über den Asphalt. Dank der 97-kW-Batterie muss der Taycan auch nicht alle paar Minuten an die Ladestation. Die prognostizierten Kilometer am Display sind kein Zahlenbingo, sondern zuverlässige Reichweitenangaben – man kann den Akku also ruhig auf zehn Prozent herunterfahren. An der Säule lädt der GTS dank 800-Volt-Architektur so flott, dass man an der Schnellladestation nach 18 Minuten mit 80 Prozent Akku schon wieder auf der Piste ist.
Einhorn-Kombi
Der Sport Turismo bietet nominell nur 39 Liter mehr Kofferraum als die Limousine. Klingt nach wenig, macht im Alltag aber den Unterschied. Die grosse Heckklappe ist Gold wert. Mit umgeklappten Rücksitzen stehen bis zu 1171 Liter zur Verfügung. Praktisch, ohne brav zu wirken. Ein Einhorn unter den Kombis.

Um dem GTS-Charakter gerecht zu werden, erhielt er ein eigenes Soundprofil – angelehnt an den Taycan Turbo S. Kein Staubsauger, kein Science-Fiction-Gedudel. Sondern etwas, das zumindest versucht, Charakter zu haben. Oder einen nicht zu nerven.
Rennsport mit Baustelle
Innen zeigt sich der GTS standesgemäss: Race-Tex, schwarzes Leder, 18-Wege-Sportsitze, GT-Sportlenkrad, GTS-Schriftzüge an den richtigen Stellen. Alles sehr Porsche. Weniger gelungen ist die Bedienung von Klima und Lüftung. Elektronisch verstellbare Düsen wirken unnötig kompliziert. Porsche baut Fahrwerke wie aus dem Lehrbuch der Götter – Benutzeroberflächen bleiben eine Baustelle. Oder mit anderen Worten: Bis heute weiss ich nicht, wie man die Lenkradheizung ausschaltet. Vielleicht ist das Auto einfach too hot to handle.

Und ja, emotional bleibt der Taycan eher kühl. Ob daraus eine echte Liebesbeziehung entstehen kann, wie es Porsche-911-Fahrer immer wieder erleben? Gegenfrage: Kann ein 911 zwei Golftaschen transportieren? Eben.

Ich wollte ihn nicht mögen, weil ich zu jenen Porsche-Puristen gehöre, die bei Elektro und Kombi die Nase rümpfen. Aber nun sitze ich in diesem fantastischen Auto und denke: Ein sehr vernünftiges Auto zu einem unvernünftigen Preis. Wenn die Porsche-Zukunft so aussieht – schnell, übertrieben und völlig unnötig –, dann soll sie bitte kommen.
Fazit
Der Porsche Taycan GTS Sport Turismo ist ein Auto für Menschen, die wissen, was sie wollen. Brauchen? Natürlich nicht. Man könnte auch einen normalen Taycan fahren. Oder zwei Autos kaufen. Aber der GTS ist nicht für Menschen mit Excel-Tabellen. Er ist für Leute, die sagen: Ich will das. Jetzt. Egal wie teuer.
Plus/Minus
Plus
- Überragendes Fahrwerk mit Porsche Active Ride
- Präzise, ehrliche Lenkung
- Alltagstauglicher als jede Taycan-Limousine
- Leistung im Überfluss
Minus
- Sehr hoher Preis
- Umständliche Bedienung von Klima und Lüftung
- Emotional eher kühl
- Schlechter Wiederverkaufswert
Technische Daten
Porsche Taycan GTS Sport Turismo
Antrieb: zwei permanenterregte Synchronmotoren, Allrad
Systemleistung: 515 kW/700 PS
Systemdrehmoment: 790 Nm
Batteriekapazität netto: 97 kWh
Batteriechemie: Lithium-Ionen (Nickel-Mangan-Kobalt)
Systemspannung: 800 Volt
Ladeleistung AC/DC: 22/320 kW
Ladezeit DC 10–80 Prozent: rund 18 min
Ladezeit AC 0–100 Prozent: rund 5 h
0–100 km/h: 3,3 s
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Testverbrauch: rund 24 kWh/100 km
Testreichweite: rund 460 Kilometer
Kofferraum: 405–1171 Liter
Leergewicht: rund 2400 kg
Grundpreis Schweiz: 170.200 Franken
Preis Testwagen: 210.150 Franken
Text und Bilder: Jürg Zentner


