

Gorden Wegener's Red Pig
Ende Januar endete die Ära von Mercedes-Benz Designchef Gorden Wagener. Als kleines Abschiedsgeschenk hat Wagener auf seinem Social-Media-Kanal eine letzte Designstudie hinterlassen – die Rote Sau 2.0.
Manchmal reicht ein einziges Auto, um eine ganze Marke zu zünden. 1971 war es der AMG Mercedes 300 SEL 6.8. Die Konkurrenz belächelte die plumpe Luxuslimousine, die inmitten der schlanken und ranken Rennwagen jenen Eindruck machte, der dem Wagen den Übernamen gab. Doch die «Rote Sau» fuhr bei seinem ersten Auftritt, dem 24 Stunden-Rennen von Spa, allen um die Ohren. Am Steuer: Hans Heyer und Clemens Schickentanz, die das Monster aus dem Nichts auf Platz 2 pilotierten – und in ihrer Klasse gewannen. Die «Rote Sau» machte aus einem kleinen Tuner namens Aufrecht, Melcher, Grossaspach (AMG) plötzlich eine Macht im Motorsport.

Über 50 Jahre später hat der langjährige Mercedes-Chefdesigner Gorden Wagener diesen Mythos wieder aufgegriffen – als digitales Konzept, als Design-Fantasie, als letztes Statement vor seinem Abgang.
Vom Schwein zur Legende
Die Original-Sau basierte auf einer biederen W109-Limousine. AMG stopfte einen aufgebohrten 6,8-Liter-V8 hinein, verpasste ihr 428 PS, Renngetriebe und breite Backen. 265 km/h Spitze. 1633 Kilogramm Lebendgewicht. Leider wurde das Auto verkauft, als Testträger missbraucht und verschrottet. Was heute im Museum steht, ist eine Replik. Die Legende hingegen ist echt.
Reinheit trifft Muskelkater

Wageners Neuinterpretation trägt das historische Kardinalrot, die Startnummern – und trotzdem wirkt sie wie aus der Zukunft. Vorn ein massiver Chromgrill, flankiert von vertikalen LED-Signaturen mit integrierten Sternen. Die Zusatzscheinwerfer? Neu als moderne LED-Ringe. Fünfspeichenräder als Zitat an 1971. Insgesamt breiter, muskulöser, noch dramatischer.
Sinnliche Versautheit

Das Konzept spielt bewusst mit der aktuellen Mercedes-Designsprache, jener «sinnlichen Reinheit», die Wagener über fast drei Jahrzehnte prägte. Modelle wie der Mercedes-Benz SLS AMG oder die moderne Mercedes-Benz S-Klasse tragen seine Handschrift. Hier jedoch ist nichts rein – eher sinnliche Versautheit. Hinten bleibt es mysteriös. Keine sichtbaren Rückleuchten, dafür zwei Ringelschwänzchen. Vielleicht sind Wagener hier die Ideen ausgegangen oder er hatte vor dem Abgang am 31. Januar einfach keine Zeit mehr, seine Studie fertig zu machen.
Showcar ohne Show

Veröffentlicht wurde das Projekt beiläufig über Wageners Instagram-Kanal und im Kontext seines Buchs «Iconic Design». Besonders interessant, weil es sich hier um eine Freihandzeichnung eines renommierten Chef-Designers handelt, der noch einmal zeigen wollte, was er könnte, wenn man ihn machen liesse.
Bilder: Gorden Wagener



